Freiheit und Verantwortung: Revolutioniert die Kognitionswissenschaft Recht und Moral?

Freiheit und Verantwortung: Revolutioniert die Kognitionswissenschaft Recht und Moral?

17. und 18. September

Sprecher

Ansgar Beckermann (Bielefeld)
Geert Keil (Aachen)
Florian Leiß (München)
Achim Lohmar (Köln)
Christoph Lumer (Siena)
Reinhardt Merkel (Hamburg)
Michael Pauen (Berlin)
Peter Schulte (Bielefeld)
Achim Stephan (Osnabrück)
Michael von Grundherr (München)
Sebastian Wolf (München)
Henrik Walter (Bonn)

Ort

Universität Bremen
SFG 1020
Enrique-Schmidt-Straße 7
D-28359 Bremen

Organisation

Prof. Dr. Sven Walter
Institut für Kognitionswissenschaft
Albrechtstraße 28
D-49069 Osnabrück
E-Mail:

Beschreibung

Wir sind Wesen, die über einen freien Willen verfügen, und hätten wir keinen, dann wären wir nicht die Art von Wesen, die wir sind, und wir wären nicht in der Lage, jenen Platz in der Welt einzunehmen, den wir einnehmen. So viel scheint klar. Bekanntermaßen jedoch wurde Willensfreiheit im Laufe der Zeit zum Problem, und zu keinem kleinen, steht und fällt mit ihr doch scheinbar nicht nur unser Selbstverständnis, sondern auch unsere moralische und juristische Verantwortlichkeit, mit dieser unsere Schuldfähigkeit, und mit dieser unser retributives Strafrecht. Indem die Kognitionswissenschaft – insbesondere die Teildisziplinen der Neurobiologie, der Kognitionspsychologie und der empirischen Sozialpsychologie – sich anheischig machen, auch etwas zur Frage nach den Antezedentien unseres Tuns beizutragen, sehen auch sie sich neuerdings berufen, zum Problem der Willensfreiheit Stellung zu nehmen, was die Sache der Willensfreiheit auf den ersten Blick nicht wirklich besser zu machen scheint: Die Kognitionswissenschaft, so wird suggeriert, hat gezeigt, dass der freie Wille nur eine Illusion und wir in Wahrheit die Marionetten neuronal determinierter Gehirnvorgänge sind, die erst im Nachhinein vom Gehirn über seine Entscheidung informiert werden und sich diese dann so zurechtrationalisieren, dass sie zu dem Schluss kommen, sie müssten sie wohl bereits im Vorfeld gewollt haben. Philosophen halten dem kognitionswissenschaftlichen Angriff auf unsere Freiheit zwar unentwegt entgegen, er arbeite mit einem antiquierten, falschen und von der Philosophie schon seit langem als zu stark erkannten Freiheitsbegriff, und würde mithin in dem Moment obsolet, wo wir kompatibilistische Freiheitstheorien zu würdigen begännen, wonach die neuronale Determiniertheit unserer Handlungen ihrer (und mithin unserer) Freiheit überhaupt nicht im Wege stehen kann, weil freie Handlungen nicht solche sind, die überhaupt nicht determiniert sind, sondern solche, die auf die richtige Weise determiniert sind. Allerdings kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass der kompatibilistische Freiheitsbegriff recht schwach ist. Und wenn wir nicht mehr besitzen als das, was Kant einmal die „Freiheit eines Bratenwenders“ nannte, dann mag das unter Umständen nicht ausreichen, um den kognitionswissenschaftlichen Angriff auf die Willensfreiheit, und damit auf unsere Verantwortlichkeit, unsere Schuldfähigkeit und unser Strafrechtssystem, abzuwehren. Und so bleibt die Frage: Revolutioniert die Kognitionswissenschaft Recht und Moral?

Programm

Donnerstag
14:30-14:40 Sven Walter
Einführung
14:40-15:50 Ansgar Beckermann
"Keine Angst vor den Neuronen"
15:50-17:00 Geert Keil
“Könnte das Moralspiel immer falsch gespielt worden sein?”
17:00-17:20 Kaffeepause
17:20-18:30 Achim Lohmar
"Freiheit, Authentizität und das adaptive Unbewußte"
18:30-19:20 Sebastian Wolf
"Ist es prinzipiell falsch, jemanden verantwortlich zu machen? Die neurowissenschaftliche Fehlertheorie von Recht und Moral"
Freitag
9:00-10:10 Christoph Lumer
"Ist Verantwortungszuschreibung unfair?"
10:10-11:20 Henrik Walter
“Willensfreiheit und Verantwortung: Von metaphysischen Problemen zur empirischen Herausforderung”
11:20-11:45 Kaffeepause
11:45-12:55 Reinhard Merkel
"Willensfreiheit und strafrechtliche Schuld"
12:55-14:15 Mittagessen
14:15-15:25 Achim Stephan
“Neurowissenschaftliche Forderungen ans Rechtssystem – jenseits von gut und böse?”
15:25-16:15 Michael von Grundherr und Florian Leiß
“Stellen neurowissenschaftliche Erkenntnisse unsere Praxis des moralischen Urteilens und Begründens in Frage?”
16:15-16:35 Kaffeepause
16:35-17:45 Michael Pauen
“Warum die Kognitionswissenschaft Recht und Moral nicht revolutioniert”
17:45-18:25 Peter Schulte
“Willensfreiheit, moralische Verantwortlichkeit und die normativen Implikationen der Determinismusthese”